Abschied von Lore Junge

„Aller Fortschritt ist das Ergebnis langer Kämpfe.
Wenn die junge Generation ohne Faschismus und Krieg leben will,
muss sie sich engagieren.“

Trauerrede für Lore Junge am 4. September 2009

Liebe Angehörige, Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen von Lore!

Ich möchte meinen Worten Lores eigene Worte voranstellen. Sie stammen aus dem Vorwort ihres Buches „Verfolgt, gepeinigt, ermordet – Dortmunder Frauen 1933-1945“. Darin schreibt Lore: „Aller Fortschritt ist das Ergebnis langer Kämpfe. Wenn die junge Generation ohne Faschismus und Krieg leben will, muss sie sich engagieren.“

Diese Worte charakterisieren Lore selbst: Sie war bis zu ihrer Krankheit eine engagierte, mutige, streitbare Kämpferin – und dies forderte sie auch von anderen ein. Ihr eigener Einsatz und ihre Forderung an politische Freunde und Genossen machte den Umgang mit Lore nicht immer einfach. Jetzt, nach ihrem Tode können wir lächelnd daran zurückdenken.

Lore wurde 86 Jahre alt – ein langes Leben in unruhigen Zeiten, geprägt durch Krieg, Faschismus und die Kämpfe in der Zeit des Kalten Krieges, der Wiederaufrüstung, des Verbotes der KPD, und dann gewidmet der Erinnerungsarbeit: erinnern an all jene, die im Faschismus Widerstand leisteten. Dabei galt ihre Arbeit besonders den Frauen, deren vielfältiger „alltäglicher Widerstand“ vergessen zu werden drohte.

Der Blick auf Lores Leben ist ein Blick in ein Geschichtsbuch, das so noch geschrieben werden müsste. Einiges aus diesem Lebensbuch möchte ich wiedergeben. Lore, eigentlich: Laura Wilhelmine Marie Kröger, wurde am 19. März 1923 geboren. Die Eltern Mimi und Willi Kröger wohnten in Dortmund Barop (es ist erstaunlich, wie ortsgebunden Lores Leben verlief: Sie hat fast immer in Barop gewohnt) wenige Häuser von der Familie Junge entfernt, deren ältesten Sohn sie 1945 heiratete.

Willi war Bergmann, Mimi ohne Beruf. Schauen wir auf Lores Eltern, so zeigt sich ein typisches Bild eines Arbeiterlebens zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Mimi konnte nicht Verkäuferin im Konsum werden, weil die Eltern von sieben Kindern ihr die notwendigen drei weißen Kittel nicht mitgeben konnten; Willi lebte als Kostgänger bei Mimis Eltern, hatte dort also Ess- und Schlafstelle – so entstand die Beziehung der beiden.

War Lores Kindheit durch das Arbeitermilieu in Barop geprägt, so zeigen die folgenden Jahre die Auswirkungen des Faschismus. 1937 musste der jüdische Rechtsanwalt, bei dem sie ihre Lehre als Bürogehilfin begonnen hatte, sie aufgrund der Rassegesetze der Nazis entlassen; bei der Stahlfirma Heinrich August Schulte begann sie eine Ausbildung als Stenokontoristin. Zuvor war ihr Vater als Kommunist zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt worden und Mutter Mimi brachte sich und Lore als Putzfrau und Wäscherin durch.

Dann begann der vom faschistischen Deutschland entfesselte Weltkrieg, in dessen Verlauf der Vater zum berüchtigten Strafbataillon 999 eingezogen wurde. Lore und ihre Mutter verbrachten die Bombennächte meist im Bunker der Abraumhalde der Zeche Luise – wie oft hat Lore später vor Schülerinnen und Schülern darüber berichtet! Die Wohnung wurde von Bomben zerstört; mit zwei Koffern, ihrer ganzen Habe, werden sie bei fremden Leuten einquartiert.

1945: Endlich Befreiung von Faschismus und Krieg! So hat Lore es empfunden und immer benannt.

Jetzt kam Heinz Junge, für den Lore schon als Zehnjährige geschwärmt hatte, nach Emigration und Konzentrationslager nach Dortmund zurück und stürzte sich sofort in die politische Arbeit. Es galt, ein antifaschistisches Deutschland aufzubauen! In diesem Sinne gründete er die Freie Deutsche Jugendbewegung und warb Lore als Sekretärin an. Als Heinz ihr im Spätherbst einen Heiratsantrag machte, stimmte sie nach anfänglichem Zögern zu, die Hochzeit wurde am 29. Dezember 1945 gefeiert.

Im Februar 1946 gehörte Lore zu den Organisatoren einer spektakulären Hilfsaktion: Auf der Zeche Monopol in Bergkamen hatte es ein schweres Unglück gegeben, bei dem 405 Bergleute starben. Die demokratischen Organisationen fordeten von der britischen Besatzungsmacht massive Hilfen für die Familien der Opfer. Unter abenteuerlichen Bedingungen – Deutschland war in vier Besatzungszonen mit bewachten Grenzen unterteilt – wurden mehrere Autobusse mit Kindern der umgekommenen Bergleute zu einem Erholungsurlaub in die damalige Sowjetische Besatzungszone gebracht. Eine Hilfsmaßnahme, die heute in der Geschichte der Zeche und des Ortes mit peinlichem Schweigen übergangen wird.

Im Oktober wurde der Sohn Reinhard geboren, und es begann der Kampf um das Alltägliche: Brot, Trockenmilch, Kleidung und Kinderwäsche. Noch in den letzten Lebenstagen erzählte mir Lore, wie glücklich sie über eine Decke und einen Korb Birnen von meiner Mutter war. Sie  konnte nicht bis zu Hause warten, stieg vom Fahrrad und aß erst einmal eine Birne.

Die folgenden Jahrzehnte zeigen Lore als aktive, kämpferische Kommunistin. Nach Beginn des kalten Krieges, der durch antikommunistische Hetze gekennzeichnet war, nach der Gründung von BRD und DDR nahm sie an den Aktionen für Wiedervereinigung und gegen Wiederbewaffnung teil. Diese Aktionen wurden von der Adenauer-Regierung geradezu hysterisch verfolgt. Eine Aktion ist sogar in einer ersten Ausgabe des Werkes „Unser Jahrhundert im Bild“ dokumentiert: Lore entreißt einem Polizisten die Fahne, die er soeben beschlagnahmt und eingerollt hatte. Sie war aber nicht rot, wie das Schwarzweiß-Foto suggeriert, sondern schwarz-rot-gold!

1956 das Verbot der KPD! Bald danach gründete sich die Arbeitsgemeinschaft „Frohe Ferien für alle Kinder“, in ihr arbeitete Lore. Die Arbeitsgemeinschaft ermöglichte es Arbeiterkindern aus der BRD, preiswerte Ferien in der DDR zu verbringen. Nach dem 13. August 1961 wurde die Arbeitsgemeinschaft verboten und zahlreiche Mitglieder wegen „Staatsgefährdung“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und verurteilt. Lore kam mit einer relativ milden Strafe von neun Monaten auf Bewährung davon. Das war Adenauer-Justiz, die erst durch die Strafrechtsreform des SPD-Justizministers Heinemann 1966 beendet wurde.

Als der Sohn Reinhard 14 Jahre alt wurde, nahm Lore ihre Arbeit als Bürokraft wieder auf, qualifizierte sich als Sekretärin und erhielt eine Anstellung in der Stadtverwaltung, später Jugendmusikschule, und das, obwohl sie als Kommunistin bekannt und vorbestraft war. Es war wohl eine Folge der Tatsache, dass in Dortmund Sozialdemokraten und Kommunisten einige gemeinsame Traditionen nicht aufgegeben hatten. Das zeigte sich auch in den gemeinsamen antifaschistischen Aktionen z.B. 1969 gegen eine NPD-Veranstaltung in Hörde.

In der folgenden Zeit unterstützte Lore die Arbeit ihres Mannes Heinz, z. B. im Sachsenhausenkommitee, im Rombergparkkommitee und in der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund“. Sie gehörte mit zu den Gründern des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und engagierte sich im Kuratorium der Ausstellung.

Doch immer stärker entwickelte Lore ihre eigenen Pläne, und als sie endlich in Rente gehen konnte, verwirklichte sie diese: Drei Bücher entstanden, in denen sie die Tätigkeiten von Frauen im Widerstand gegen den Faschismus darstellte. Viele Nachmittage verbrachte sie in Archiven oder bei Frauen und Witwen von Widerstandskämpfern, die sie interviewte und um Dokumente bat. Das war ihre eigene Arbeit ihr eigener Erfolg. Nicht nur Heinz war als Zeitzeuge in Schulen, Seminaren und der Gedenkstätte Steinwache gefragt, sondern immer stärker auch Lore.

Bis zu ihrer Krankheit sichtete sie Material, stellte Dokumente zusammen, brachte sie in Archive, immer in der Sorge, etwas oder jemand könnte vergessen werden. Sie wurde nicht müde, den Faschismus als Verbrechen zu benennen und den Neofaschismus zu bekämpfen und die junge Generation aufzuklären. In ihrem Sinne ist es wenn wir alle morgen in Dortmund ein unüberhörbares Zeichen gegen Nazis setzen!

Es hat Lore gefreut und stolz gemacht, dass ihre Arbeit Anerkennung fand: Ihrem Einsatz ist es mit zu verdanken, dass in der neuen Siedlung in Dortmund-Menglinghausen die Straßen nach Hombrucher Widerstandskämpfern benannt wurden. Der SPD-Stadtbezirk Hombruch, zu dem Lores Heimatort Barop gehört, verlieh ihr den Ewald-Sprave-Preis und 2006 erhielt sie die Ehrennadel der Stadt Dortmund.

Lore ist nun tot. Viele von uns haben sie auf Teilen ihres Weges begleitet, einige auch auf dem letzten Stück, während ihrer Krankheit. So wird jeder von uns ein eigenes Bild von Lore als Erinnerung behalten. Doch wir würden dieser streitbaren Frau nicht gerecht, wenn wir ihre Idee von Frieden und Antifaschismus und ihren engagierten Kampf für eine sozialistische Welt nicht weitertragen würden. In diesem Sinne verabschieden wir uns von Lore Junge.

Verleihung der Ehrennadel der Stadt Dortmund an Gisa Marschefski und Lore Junge im Januar 2006

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