Karfreitagsgedenken 2013

Mehr als 1700 Teilnehmende in Dortmund

Mehr als 1700 Menschen haben am Karfreitagsgedenken 2013 in der Dortmunder Bittermark teilgenommen. Die städtische Veranstaltung, an der sich zahlreiche Vereine und Initiativen beteiligen, ist wohl die größte regelmäßige antifaschistische Manifestation in NRW.

Zuschauer 02Erstmals in der Geschichte der Gedenkveranstaltung haben sich auch BVB-Fußballfans an der Gestaltung des Programms beteiligt: 300 Teilnehmende zählte der Heinrich-Czerkus-Lauf vom Stadion Rote Erde in die Bittermark, BVB-Präsident Rauball trug eine engagierte Rede vor, Gerd Kolbe und Mitglieder der Fanabteilung erläuterten Leben und Wirken der BVB-Angehörigen und Nazigegner Heinrich Czerkus, Franz Hippler und Fritz Weller.

Die Veranstaltung wurde moderiert und interessant gestaltet von den jugendlichen „Botschaftern der Erinnerung“. Für das musikalische Programm sorgten die Dortmunder Posaunenchöre und ein Kinderchor der Chorakademie.

Die Reden und Bilder, soweit sie zur Verfügung stehen, werden in den nächsten Tagen hier veröffentlicht.

Berichterstattung auf Der Westen

Berichterstattung der Ruhrnachrichten

Bilderschau

 




Die Beiträge der BVB-Fanabteilung zu Heinrich Czerkus, Franz Hippler und Fritz Weller

Als Hitler am 30. Januar 1933 die Macht übernahm, wurde auch der Sport im Sinne seiner Ideologie deformiert und vergewaltigt. Zunächst stellte er sich als Sportförderer dar. Das war jedoch Fassade und Mittel zum Zweck. Nach Hitlers Zielen war der Sport in erster Linie zur Hebung der „rassischen Qualität der Arier“ und zur „Stärkung der Volksgesundheit“ einzusetzen. Der Sport hatte der Machtsicherung und der körperlichen Vorbereitung zahlloser junger Menschen auf den Krieg zu dienen. Die Propaganda setzte sportliche Erfolge als angebliche Beweise für die naturgegebene Überlegenheit der „arischen Rasse“ ein.

Das Führerprinzip wurde den Verbänden und Vereinen in nationalsozialistischen Einheitssatzungen aufgezwungen, ein Dietwart zur Pflege des Deutschtums eingesetzt. In Wahrheit war dieser aber ein gefährlicher Gesinnungsschnüffler. Sportverbände wie der Deutsche Fußballbund und der Deutsche Turnerbund wurden „gleichgeschaltet“, die Arbeiterturn- und Sportorganisationen ebenso verboten wie die konfessionellen „Deutsche Jugendkraft“ und „Eichenkreuz“. Nach den Olympischen Spielen 1936 kam auch das Ende für den jüdischen Sport. Die Nachwuchsabteilungen der Vereine wurden der Hitlerjugend zugeordnet. Damit war jüdischen Jugendlichen jeglicher Vereinssport unmöglich geworden.

Diese Rahmenbedingungen galten auch für den BVB. Borussia stammte aus dem „roten“ Dortmunder Norden. Überwiegend gehörte man zur Arbeiterschaft. Dort war man traditionell kommunistisch, sozialistisch und sozialdemokratisch. Auch im BVB übernahmen die Nazis ab 1933 die wichtigsten Vereinsfunktionen. Man fühlte sich jedoch weiterhin als solidarische „BVB-Familie“. Gemeint ist damit eine Haltung, die die „linken“ Vereinsmitglieder abschirmte und vor politischer Verfolgung schützte.

Durch die erzwungene Wegnahme des Borussia-Sportplatzes an der Wambeler Straße vertiefte sich die Abneigung den Nazis gegenüber. Rückblickend war der BVB aber kein Verein im Widerstand. Man arrangierte sich mit den Machthabern, wo es erforderlich schien. Wo es möglich war, zeigte man sich widerborstig und unangepasst. Die Haltung des BVB den Nazis gegenüber ähnelte also dem römischen Januskopf. Von der einen Seite lächelte man ihnen zu, von der anderen zeigte man ihnen eine Fratze.

Innerhalb des BVB gab es drei Widerstandskämpfer, die im Kampf gegen die Nazis Leib und Leben riskierten: Heinrich Czerkus, Franz Hippler und Fritz Weller. Diese drei stellen wir Ihnen jetzt vor:

Heinrich Czerkus

Ich heiße Heinrich Czerkus und wurde am 27. Oktober 1894 in Ostpreußen geboren. Gemeinsam mit vielen Zwangsarbeitern und gleichgesinnten Widerstandskämpfern habe ich meine letzte Ruhe hier oben in der Bittermark gefunden. Mein Grab liegt direkt unter Ihren Füßen.

Seitdem ich ein politisches Bewusstsein entwickelte, war ich überzeugter Kommunist. Im Juli 1920 kam ich gemeinsam mit meinem Bruder und einem weiteren Genossen nach Dortmund. Bis zu meinem Tod im Frühjahr 1945 wohnte ich in der Schlosserstraße 42 am Borsigplatz. Dort befindet sich heute ein „Stolperstein“, der an mich erinnert.

Kurz nach meiner Ankunft in Dortmund trat ich dem BVB und der KPD bei. Zunächst war ich Kassierer der KPD am Borsigplatz. Bei Hoesch fand ich Arbeit als Schlosser. Ab 1924 leitete ich die neue Frauengruppe der KPD in Dortmund. 1925 verlor ich meinen Arbeitsplatz und übernahm eine führende Rolle im „Erwerbslosenausschuss von Dortmund“. Nach dem Ausbau der „Weißen Wiese“ zum Borussia-Sportplatz wurde ich Mitte 1924 Platzwart. Diese Funktion behielt ich, bis die Nazis 1938 dem BVB den Borussia-Sportplatz und mir die berufliche Existenz wegnahmen.

1930 gründete sich in Dortmund ein kommunistischer Kampfbund gegen den Faschismus, dem ich natürlich beitrat. Als Hitler die Macht übernahm, wurde für uns Kommunisten die Luft immer dünner. 1933 wurde ich über die „Kampfgemeinschaft der Arbeiter und Bauern“ in den Rat der Stadt gewählt. Aber nach dem Ermächtigungsgesetz wurde ich wenige Wochen später gemeinsam mit 14 weiteren kommunistischen Abgeordneten auf Anweisung Görings noch vor der ersten Ratssitzung widerrechtlich ausgeschlossen.

Ich ging in den Widerstand. Vorsichtig kombinierte ich meine Tätigkeit als Platzwart mit meinen politischen Aktivitäten. Dabei half es mir, dass die BVB-Familie immer zu mir hielt, völlig unabhängig von meiner politischen Weltanschauung. Aus guten Gründen hielt ich mich mehr im Umkleidegebäude unseres Sportplatzes auf als in meiner Wohnung. Dort konnte ich nämlich rechtzeitig gewarnt werden, wenn mich die Gestapo wieder einmal suchte und verhaften wollte. Ende 1944 überließ mir BVB-Vereinsführer August Busse die kleine Druckanlage in der Geschäftsstelle Oesterholzstraße 60, auf der ich dann die Handzettel und Plakate für unsere Widerstandsgruppe drucken konnte.

Im Frühjahr 1945 halfen weder Vorsicht noch BVB-Warnsystem. Ich wurde verhaftet, in die Steinwache gebracht und kam später in die Gestapo-Zentrale in Hörde. Welch schreckliche Wirkung die Folter auf Menschen hat, erlebte ich täglich am eigenen Leibe. Man wollte auch aus mir herausprügeln, auf welcher Vervielfältigungs-Anlage wir unsere Materialien gedruckt hatten. Niemals hätte ich zugegeben, dass ich sie von August Busse bekommen hatte. Auch Franz Hippler, den ich für den Widerstand angeworben hatte, versuchte ich zu schützen. Leider vergeblich.

Anfang März wurden wir Häftlinge auf der Benninghofer Straße aneinander gekettet. Dann transportierte man uns wie Vieh in den Rombergpark. Dort warteten die Todeskommandos, die unsagbar brutal vorgingen. Wir mussten uns nebeneinander aufstellen. Ich sah voll Angst und Panik, wie meine Mithäftlinge erschossen wurden. Einer nach dem anderen sank tot in die Bombentrichter, die unsere Massengräber wurden. Dann war ich selbst dran. Als mein Todestag wurde der 15. April 1945 festgelegt.

Franz Hippler

Ich heiße Franz Hippler und wurde am 14. April 1895 in Ostpreußen geboren. Auch ich habe unter Ihren Füßen hier in der Bittermark mein Grab gefunden. Meine Eltern zogen mit mir und meinen Geschwistern nach Dortmund, als ich gerade mal drei Jahre alt war. Wir waren katholisch und gehörten zur Dreifaltigkeitskirche. Mit 14 kam ich in die Lehre. 60 Stunden Arbeit wöchentlich waren normal.

Im ersten Weltkrieg war ich Mitglied eines Freicorps. Danach hieß es für mich: „Nie wieder Krieg!“ 1921 stieß ich zur KPD, in der es heftige Richtungskämpfe gab. Ich mischte mich kräftig ein, wurde ausgeschlossen, später wieder aufgenommen. Nach meiner Heirat gründete ich eine Familie und zog zum „roten“ Borsigplatz. Beim BVB war ich von 1922 bis 1924 fast täglich beim Ausbau der „Weißen Wiese“ aktiv, besuchte fast alle Heim- und Auswärtsspiele und nahm rege am Vereinsleben teil. Die Zeiten waren hart, die Arbeitslosigkeit ein ständiger Begleiter.

Dazu verfolgte mich die Gestapo zwischen 1933 und 1945 praktisch ununterbrochen. Der erste Zugriff erfolgte Anfang März 1933. Ich lernte die Steinwache kennen und fürchten. Im dortigen Haftbuch hieß es: „Politisch verhaftet auf Anordnung des Hohen Ministers des Innern“. Gemeint war Göring. Als in der Nacht zum 2. August 1933 ein SA-Scharführer in der Flurstraße überfallen und verletzt wurde, nahm die Gestapo als Vergeltung vier kommunistische Geiseln, zu denen auch ich gehörte. Mein Vergehen: Ich wohnte in der Nähe des Tatorts. Wieder auf freiem Fuß, ging ich in den Widerstand. Heinrich Czerkus warb mich an.

1935 schlug die Gestapo erneut zu. Wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat kam ich in mehrere Gefängnisse und war ein Jahr lang „Moorsoldat“ im Arbeitslager Stapelmoor. Nach meiner Entlassung 1939 kam es noch viel schlimmer: Für drei Jahre und acht Monate musste ich ins KZ Buchenwald. Im April 1943 wurde ich nach schrecklichen Folterungen „probeweise“ entlassen. Probeweise hieß: Ich musste einen festen Wohnsitz nachweisen, sonst drohte wieder das KZ.

Die Wambeler Straße 11, in der ich wohnte, wurde Ende Mai 1944 von Bomben zerstört. Das hieß: kein fester Wohnsitz mehr. Da half mir der Borusse und SA-Mann Willi Röhr, überließ mir in der Wambeler Straße 3 eine Wohnung und bewahrte mich damit vor einem weiteren KZ-Aufenthalt. Anfang 1945 schlug das Schicksal jedoch erneut in aller Brutalität zu: Am 19. Februar wurde ich wieder verhaftet, eingekerkert, in der Steinwache und später in der Gestapo-Zentrale Dortmund-Hörde fast täglich gequält und wenige Wochen später ermordet. Meine Leiche fand man am 20. April 1945 im Rombergpark.

Fritz Weller

Ich heiße Fritz Weller und wurde am 11. Juli 1912 in Dortmund geboren. Mein Vater fiel im ersten Weltkrieg, meine Mutter verlor ihr Leben bei einem Eisenbahnunglück. Deshalb wuchs ich bei meinen Großeltern auf, die am Borsigplatz wohnten. Schon bald lernte ich die Sorgen und Nöte der Arbeiter durch eigene Erfahrungen kennen. Ich fand meine politische Heimat bei den Sozialdemokraten. Hier nahm ich an verschiedensten Schulungen und Kursen teil, um meine Bildung abzurunden und mein politisches Bewusstseins zu schärfen.

Da ich sehr sportlich war, schloss ich mich zunächst dem Arbeiterturn- und Sportverein an. Etwa 1928 kam ich zum BVB, wo ich Handball spielte und als Leichtathlet aktiv war. Hier lernte ich auch meine spätere Ehefrau, die Handballerin Toni Nöthling, kennen. Mein Freund August Braun machte mich mit Max Zimmermann bekannt, der dem Dortmunder SPD-Ortskartell vorstand. Später wurde er der Kopf unseres Widerstands gegen Hitler. August Braun leitete die SPD-Widerstandsgruppe Borsigplatz. Er überzeugte mich davon, dass aktiver Widerstand zwingend erforderlich war. Auch mein Schwager Otto Nöthling machte mit und versorgte Max Zimmermann über Jahre mit Informationen aus der Stadtverwaltung.

Nach dem Verbot des Arbeitersports durch die Nazis tarnten wir uns zunächst in Kleingarten- und Kegelvereinen. Hieraus entwickelten sich später die Widerstandsgruppen. Wir verwendeten sogar untereinander Decknamen , um einen zusätzlichen Schutz zu haben. Aus Holland beschafften wir Flugblätter, Plakate und KPD-Broschüren von dortigen Widerstandszellen. Das Material wurde dann von uns am Borsigplatz und in anderen Teilen Dortmunds unter Lebensgefahr an Litfaßsäulen geklebt, ausgelegt und verteilt. Unsere Gruppe flog später auf. Mein Freund August Braun nahm sich unmittelbar vor seiner Verhaftung durch die Nazis das Leben, Max Zimmermann starb im KZ Dachau. Ich selbst überlebte wie durch ein Wunder. Nach 1945 stellte ich mich wieder in den Dienst des BVB.

Jetzt entschieden die Briten über die Existenz des Sports und der Vereine. Der BVB konnte nachweisen, dass es in seinen Reihen auch Männer gegeben hatte, die sich wagemutig gegen die Nazis gestellt hatten. Das war wichtig für den Fortbestand des BVB. Als Leiter der Handballabteilung blieb ich noch mehrere Jahre aktiv für den BVB. Am 28. Dezember 1982 bin ich im Alter von 70 Jahren in Dortmund verstorben und wurde auf dem Dortmunder Hauptfriedhof beerdigt.




Die Rede von Ernst Söder, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Jörder,
verehrter Herr Dr. Rauball,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freunde aus dem In- und Ausland!

Ernst SöderWir erinnern am heutigen Karfreitag erneut an die Massenmorde an Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Widerstandskämpfern im März und April 1945 im Rombergpark und in der Bittermark. Nazischergen der Gestapo verschleppten Frauen und Männer in die Wälder, um sie heimtückisch zu erschießen. Dieses Verbrechen geschah wenige Tage vor dem Einmarsch alliierter Truppen in unsere Stadt, vor nunmehr 68 Jahren.

So wurde auch Dortmund am Ende des Zweiten Weltkrieges, noch kurz vor der Befreiung von der Nazidiktatur, ein Schauplatz des Massenmordes an deutschen und ausländischen Antifaschisten, Widerstandskämpfern und Zwangsarbeitern aus sieben Nationen.

Diese von einem zivilisierten Verhalten weit entfernte Barbarei der Gestapo war dennoch keine Tat bloßer Willkür, sondern Ausdruck des Wesens eines von den Nationalsozialisten geführten faschistischen Systems. Die Karfreitagsmorde in Dortmund und vergleichbare Taten anderswo waren durch ein ganzes System von Terrormaßnahmen ermöglicht worden, die von sadistischen Übergriffen von SS- und Gestapoleuten aus niedrigen Beweggründen bis zu schriftlichen Mordanweisungen der Reichsregierung reichten.

Ein Dortmunder Arbeiter, Bergmann auf einer Schachtanlage, verfasste 1945 nach dem Bekanntwerden der Gräueltaten ein Gedicht und formulierte in eindrucksvollen Versen die Geschehnisse der Karfreitagsmorde.

Ich zitiere diese Zeilen von Karl van Haut, die uns schmerzhaft das Schicksal der Ermordeten aufzeigen:

Von der Bomben Wucht zerrissen
stöhnt der Wald in stummer Qual.
Stahl und Bäume, fest verbissen,
streichelt sanft ein Sonnenstrahl.

Auf dem Grund der Bombentrichter
steigt das Grauen einer Nacht,
die als Zeuge vor dem Richter
ihre stumme Aussag‘ macht.

Was in dieser Nacht geschehen,
ist so voller Hass und Graus,
wie’s die Welt noch nie gesehen,
selbst die Hölle speit es aus.

Auf des Waldes dunklem Pfade
schleppten Bestien sie hinfort,
Menschenleiber vor dem Rade
des Sadismus hin zum Mord.

Keine Schreie hört man gellen
von den Lippen dieser Schar.
Lautlos diese Schrei‘ zerschellen,
weil die Zung‘ gefesselt war.

Ärztekunst, die sonst ein Segen,
war der Unglücklichen Fluch.
Keine Zunge konnt‘ sich regen,
weil die Injektion sie schlug.

Mit den Händen auf dem Rücken,
fest umrankt mit Stacheldraht,
den zerfetzten Leib zu schmücken,
eh‘ die Todesstunde naht.

Karl van Haut kannte die meisten der Ermordeten, die gegen den Faschismus gekämpft hatten, in langer Kerkerhaft körperlich misshandelt wurden und für ihre Überzeugung ihr Leben gegeben haben.

Dem Sinnlosen, das 1945 hier geschehen ist, können wir nur Anteilnahme und Schweigen gegenübersetzen, denn das Streben der Widerstandskämpfer nach Frieden und Völkerverständigung war während der Nazidiktatur und vor ihrer Verhaftung durch die Gestapo sehnsuchtsvoll und großartig, wurde aber von den faschistischen Machthabern brutal und grausam bekämpft; es passte nicht in das Muster ihrer Naziideologie.

Es wird das ewige Verdienst der Widerstandsbewegung bleiben, gegen die menschenverachtende Ideologie der braunen Barbarei gekämpft zu haben, um dem Völkermord und der Sklaverei ein Ende zu setzen. Voller Ehrfurcht gedenken wir der Opfer des in Dortmund stattgefundenen Massakers, das zu den abscheulichsten Verbrechen in der Geschichte unserer Stadt zählt. Gedenken wollen wir aber auch der vielen Millionen Opfer in Europa, die infolge der Gewaltherrschaft der Nazis ihr Leben verloren haben. Die Verstorbenen bleiben ewige Zeugen dieses Terroraktes und des von den Nationalsozialisten zugefügten Unrechts.

Bertolt Brecht hat einmal gesagt: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ Und weiter: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

Wir erinnern an die Toten

Stellvertretend für die Dortmunder Frauen und Männer, die dem organisierten Meuchelmord zum Opfer fielen, erinnere ich an Martha Gillessen, Paul Mainusch, Karl Schwartz, Heinrich Czerkus, Johann Dorenkamp, Franz Schultenjohann, Karl Altenhenne, Erich und Karl Mörchel, an die Franzosen Leon Chadirac und Leon Deloor sowie an die vielen anderen Väter und Mütter aus den Niederlanden, Jugoslawien, der Sowjetunion, aus Polen und der Tschechoslowakei.

Die Opferreihe ließe sich fortführen. Aber lassen wir diese ausgewählten Opfer für alle sprechen, die hier mit der gleichen Rücksichtslosigkeit umgebracht wurden und auf dem letzten Gang von ihren Henkern mit Stacheldraht aneinander gefesselt waren.

Ein Wort zu den jungen Leuten

Ein Wort zu den jungen Leuten, den Botschafterinnen der Erinnerung, die mit großem Engagement Projekte der Erinnerungskultur entwickeln und das Vermächtnis der Überlebenden des Faschismus bewahren. Auch in diesem Jahr haben mich die Jugendlichen, die mit der Ausstellung „Weg der Erinnerung“ den Opfern der Karfreitagsmorde Namen und Gesicht zurückgegeben haben, tief beeindruckt.

Diese Ausstellung, die am Karfreitag im vergangenen Jahr erstmalig gezeigt wurde, konnte anschließend in acht Dortmunder Stadtbezirken, vornehmlich in Schulen und Jugendheimen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sie wurde auch dort von den jungen Leuten begleitet.

Für ihr Engagement dieser Erinnerungskultur sollten wir ihnen ganz herzlich danken. Und ebenso für ihre unermüdlichen Aktivitäten gegen den Rechtsradikalismus in unserer Stadt sowie ihr heutiges Mitwirken bei der Gestaltung der Gedenkfeier, an der so viele Menschen teilnehmen.

Und der BVB-Fanabteilung möchte ich als Vertreter des Rombergpark-Komitees danken, die erstmalig mit großem Engagement und Beiträgen die heutige Gedenkveranstaltung begleitet.

Hinweise zu den Tätern und Urteilen

Erlauben sie mir auch einige Hinweise zu den Tätern dieses unfassbaren Meuchelmordes im Jahre 1945 und die Frage: Wie wurden diese Mordtaten der Gestapo in der Nachkriegszeit gesühnt? Die Antwort dazu: Die Täter wurden nicht in dem Maße zur Rechenschaft gezogen, wie das die Angehörigen der Opfer und die Staatsanwaltschaft nach der Befreiung vom Faschismus gefordert hatten.

Emil Risse aus Essen, dessen Frau Julie ebenfalls zu den Karfreitagsopfern zählt, schrieb im September 1946 einen Brief an die Staatsanwaltschaft in Dortmund. Er möchte gern wissen, ob denn das furchtbare Verbrechen der Gestapo in Hörde eigentlich nicht gesühnt wird und die Mörder zur Verantwortung gezogen werden. Eine Antwort bekam er nicht. Es dauerte noch sechs Jahre, bis vor dem Dortmunder Schöffengericht ein Prozess gegen die Täter begann.

Die Namen und die Herkunft der Mörder dieses unsagbaren Verbrechens sind nicht unbekannt geblieben, doch nur sehr wenige SS- und Gestapoleute wurden zur Rechenschaft gezogen. Manche erhielten erneut Positionen in der Staats- und Justizverwaltung, arbeiteten wieder bei der Polizei und wurden dort aufgrund ihrer Verdienste in höhere Dienstgrade befördert.

Letzteres konnte in Deutschland nicht verhindert werden, die Aufarbeitung der Nazidiktatur nach 1945 – sie ist ja bis heute nicht abgeschlossen – verlief nicht in dem Maße, wie es die Opfer und die Gegner des Faschismus erhofft und gefordert hatten. Mutigen Staatsanwälten und Gerichten wurde häufig die Arbeit erschwert, und die Politik hat sich sehr zurückgehalten und nur dort Präsenz gezeigt, wo es unumgänglich war.

Da viele Gestapobeamte nach 1945 ebenfalls wieder in ihre Funktionen als Kriminalbeamte zurückkehren konnten, kam es zu einer grotesken Situation, als der Rombergpark Prozess vorbereitet wurde: Die Beamten, die hierzu die Vernehmungen durchführten, hatten genauso viele Straftaten begangen, wie die von ihnen vernommenen Angeklagten. Entsprechend dünn und kaum verwertbar waren die Ergebnisse der Verhöre und die Urteilsfindung beim Rombergpark-Prozess im Jahre 1952.

Am 4. April 1952 verkündete das Schöffengericht das von den Dortmundern lang erwartete Urteil. Von dem Exekutionskommando der Dortmunder Gestapo, das nach Ostern 1945 in alle Welt flüchtete, kamen 1952 lediglich 27 Mörder vor Gericht. 15 von ihnen wurden freigesprochen.

„Die Angeklagten hätten nur Befehle ausgeführt“, so der Gerichtsvorsitzende bei der Urteilsbegründung wörtlich, „weil sie unter dem Militärstrafgesetz stehende Personen gewesen seien, denen zudem ein Notstand bei der Befehlsausführung zugebilligt werden müsse“. Die Richter des Landgerichtes vertraten die Auffassung, die Schuld an den Verbrechen treffe allein den Vorgesetzten, der die Befehle zur Exekution gab.

Urteil und Begründung sowie die Berichte von Prozess- und Zeitzeugen bestätigen die Vermutung, dass amtierende ehemalige Nazirichter bei der Strafbemessung gegen die Angeklagten sehr großzügig verfahren sind und die beschuldigten Gestapoleute schonen wollten.

Nach wie vor haben wir allen Anlass, meine Damen und Herren, das dunkelste Kapitel unserer Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren, um künftigen Generationen immer wieder vor Augen zu führen, wo es schon einmal geendet hat, als man die Menschenwürde in Deutschland mit Füßen trat, die Grundprinzipien mitmenschlichen Umgangs missachtete und einem von vielen lange bejubelten Führer Allwissenheit und Allmacht zubilligte. Der Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“, der in den vergangenen Wochen gezeigt wurde, hat diese Allmacht noch einmal sehr eindrucksvoll auf den Zuschauer wirken lassen und beschrieben.

Zum NPD-Verbot

Die Antifaschistin Lore Junge ist auf den Erinnerungstafeln am Wegesrand mit einem Zitat vertreten, sie sagt: „Aller Fortschritt ist das Ergebnis langer Kämpfe. Wenn die junge Generation ohne Faschismus und Krieg leben will, muss sie sich engagieren.“ Und zu diesem Engagement gehört der Kampf gegen jeglichen Rechtsradikalismus, gegen Fremdenhass und gegen den Neofaschismus, denn Faschismus ist keine Ideologie, sondern ein Verbrechen.

Es ist zu begrüßen, dass in den Bundesländern endlich darüber nachgedacht wird, erneut das NPD-Verbot zu beantragen, das – so hoffen wir – auch Bestand beim Bundesverfassungsgericht haben wird. Gründe für ein Verbotsverfahren gibt es genug: Erinnern wir nur an die Mordtaten der Neonazis, an die von den staatlichen Organen sehr unprofessionell verfolgten NSU-Morde. Unverständlich bleibt, dass die Bundesregierung sich einem Verbotsantrag widersetzt, und die unprofessionellen Äußerungen des Vizekanzlers* machen deutlich, dass er persönlich noch einen großen geschichtlichen Nachholbedarf hat.

(* Anm. d. Red.: Der Vizekanzler der BRD und FDP-Bundesvorsitzende Philipp Rösler verweigerte Anfang 2013 die Zustimmung der Regierungskoalition zum NPD-Verbotsantrag mit der Begründung „Dummheit kann man nicht verbieten.“)

Wir Jüngeren haben von Zeitzeugen und Überlebenden erfahren, was wir selbst nicht bewusst erlebt haben. Sie haben uns erzählt von ihrer Verhaftung und Verfolgung, von Folter und ihrer Inhaftierung in Konzentrationslagern, und sie haben uns anvertraut, dass wir wachsam sein und neue Gefahren abwehren müssen. Das tun wir seit langem und das werden wir auch weiterhin tun, um ihr Vermächtnis an uns zu erfüllen.

Die demokratischen Kräfte, die in Dortmund seit langem Widerstand gegen die Neonazis und ihre Kameradschaften leisten, werden stärker. Das ist begrüßenswert und macht deutlich, dass die Menschen in unserer Stadt friedlich und ohne Nazis hier leben und wohnen möchten. Wir wollen keine Neonazis, weder in Dorstfeld, noch in Huckarde, noch anderswo.

Und deshalb, verehrte Anwesende, brauchen wir das NPD-Verbot; wohl wissend, dass damit die Ausbreitung des neonazistischen, des rassistischen und antisemitischen Gedankenguts nicht allein gelöst ist. Aber es wäre ein Anfang, eine deutliche demokratische Ermutigung, und mancher NPD-Infrastruktur würde endlich der finanzielle Boden entzogen.

Die Frau Bürgermeisterin hat an dieser Stelle anlässlich des Gedenkens am Karfreitag 2010 gesagt: „Es ist Aufgabe von uns allen, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich nationalsozialistisches Gedankengut, Rassismus und Antisemitismus, also Ausgrenzung, Unterdrückung, Deportation und Vernichtung, jemals wiederholen. Und wenn wir Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde wirklich leben und Solidarität und Zivilcourage in unserer Gesellschaft fördern, dann sind wir auf dem richtigen Weg.“

Bekenntnis zu Frieden und sozialer Gerechtigkeit

Legen wir an den Gräbern der Ermordeten ein Bekenntnis ab zum Frieden und zu sozialer Gerechtigkeit. Wir schulden es den unschuldigen Opfern. Wir werden auch weiterhin aus unserer Geschichte lernen und entschlossen handeln.

Erinnern und Gedenken, verehrte Zuhörer, Erinnern als Mahnung zu Toleranz und Weltoffenheit, und das Gedenken an die vielen Millionen Opfer, sollte jetzt und in der Zukunft unser aller Auftrag sein. Wir wünschen uns: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!





Die Rede von Iris Bernert-Leushacke auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund-Brackel

Heute, am Karfreitag 2013, erinnern wir an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene vieler Nationen, die hier auf dem Internationalen Friedhof begraben sind.

Die Internationale Arbeitsorganisation hat schon 1930 in Artikel 2, Absatz 1 des „Übereinkommens über Zwangs- und Pflichtarbeit“ Zwangsarbeit als unfreiwillige Arbeit oder Dienstleistung definiert, die unter Androhung einer Strafe ausgeübt werden muss.

Zwangsarbeit – der faschistische Krieg mit seiner programmatischen Vernichtungspolitik ersetzte die eingezogenen Arbeiter durch Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Und sie unterschieden die zur Arbeit Gezwungenen nach ihrer menschenverachtenden Rassen-Ideologie: Auf der letzten Stufe standen „Ostarbeiter“ aus Polen und der Sowjetunion. Ebenso wurden völkerrechtswidrig massenhaft sowjetische Kriegsgefangene als Arbeitssklaven eingesetzt.

Betrachten wir Dortmund näher:

Allein bei Hoesch arbeiteten im September 1943 insgesamt ca. 11.000 Ausländer neben ca. 26.000 Deutschen. In einzelnen Bereichen von Hoesch (Bergbau) betrug ihr Anteil zeitweise mehr als die Hälfte. Lager befanden sich u.a.
– beim Arbeitsamt in der Kirchenstraße,
– auf dem Gelände in der Nähe der großen Betriebe (Zechen Kaiserstuhl, Gneisenau, Fürst Hardenberg, Dorstfeld, Westhausen; Dortmund-Hörder Hüttenverein; Westfalenhütte u.a.),
– in der Huckarder Straße 137,
– in der Steinwache (als Ausweichlager) sowie
– in Hemer (Stammlager Stalag VI D) und in Hattingen (Auffanglager).

In der Zeit vom 4. August 1942 bis 11. April 1945 wurden 8.676 ausländische Arbeiter bzw. Kriegsgefangene in die Steinwache eingeliefert. Die entsprechenden Haftbücher („Russenbücher“ genannt) nennen u.a. folgende Haftgründe: Umhertreiben, Arbeitsverweigerung, Arbeitsvertragsbruch, Diebstahl, Flucht von der Arbeitsstätte, Sabotage, „politisch“. Als häufigste Entlassungsvermerke sind angegeben: „Konzentrationslager (…) zugeführt  (…)“.

Auf der Zeche Minister Stein/Fürst Hardenberg waren 1942 20 % der Belegschaft Kriegsgefangene, „Ostarbeiter“ und sonstige ausländische Arbeiter. Im Februar 1945 war diese Gruppe auf fast 50 % (48,4 %) angestiegen!

Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die Kriegsgefangenen starben durch die schwere körperliche Arbeit, durch Unfälle und Krankheiten, durch Bombentreffer (sie durften nicht in Bunkern Schutz suchen) und durch völlig mangelhafte Ernährung. Für die Verpflegung wurde firmenseits bereits ein Betrag vom Lohn abgezogen. Das konnte so aussehen: ein „deutscher“ Schreiner verdiente bei einer Sonntagsschicht 2,64 RM pro Schicht, ein ukrainischer Schreiner in der gleichen Schicht 1,40 RM (=53 %), ein sowjetischer Kriegsgefangener 0,20 RM (=8 %).

In einem Bericht des „Sicherheitsdienstes“ (SD) der SS  wird über ukrainische Zwangsarbeiter in Dortmund beim Hörder Hüttenverein berichtet: „Weiterhin führen sie (die Zwangsarbeiter, IBL) Klage über zu geringe Fettzuteilung. Im einzelnen (sic) bekommen die Ukrainer pro Tag 35 g Fleisch einschl. Knochen, 18 g Margarine, 150 g Brot, 1 ½ Pfund Kartoffeln. Darüber hinaus beträgt die Arbeitszeit 10 Stunden.“

Damit wir heute davon eine Vorstellung bekommen, wie Zwangsarbeiter damals „verpflegt“ wurden, habe ich das mitgebracht, was in dem Bericht von 1942 genannt wurde.

Das spricht für sich. Dem ist nur noch hinzuzufügen: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

Quellenhinweise:
1 Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945. Ausstellungskatalog., 2., verbess.Aufl. Dortmund 1981, S. 193
2  Cramm, Tilo: Minister Stein / Fürst Hardenberg. Die Geschichte des letzten Dortmunder Bergwerks. Teil II 1818-1987, Essen 1993, S. 92
3  Cramm, S. 91
4  Widerstand und Verfolgung, S. 194

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